<< Анатолий Ледуховский

Mondwolfe sind uberall

Tonka Angheloff. Die Harke

Fur kurze Zeit hat der Zuschauer mit einem Anfing von Klaustrophobie zu kampfen. Totale Dunkelheit lastet im Saal der Evangelischen Akademie Loccum auf relativ kleinem Raum. Nina Sadurs “Mondwolfe” erheben in weiter Ferne ihre Stimmen…
Nach Kammerkonzerten, — opern und Ausstellung erweitert dieses Schauspiel am spaten Dienstag abend um ein weiteres Genre das Angebot der “Woche russischer Kunst und Musik“ in Loccum. “Mondwolfe” beherrschen beide Teile dieses Schauspiels, in dem sich der „Bastard” des ersten Stucks schlieslich zum Gelauterten, fast Gottahnlichen wandelt, dann aber selbst dem Bosen in verfuhrerischer Larve erliegt.
Mondwolfe sind uberall, heist die Botschaft der 40jahrigen Autorin Nina Sadur, und meint damit das Bose, den Wolf im Schafspelz, das Fressen und Gefressenwerden, das Heulen mit den Wolfen. Menschen als Mondwolfe teilen sich mit, die ohne Liebe aufgewachsen sind, erstarrt im
Unvermogen Mensch zu sein, und dem wiederum daraus resultierenden Unvermogen, Menschlichkeit weitergeben zu konnen.
Der Mensch in einem totalitaren Staat, in einem unterdruckendem System, in dem Mistrauen herrscht und Angst, wo der Wolf unter Wolfen lebt und doch die Sehnsucht nach Geborgenheit in sich tragt: Nina Sadur hat ihr Stuck im Jahr 1983 noch vor der Perestroika geschrieben. Mit ihm fuhrt sie eine deformierte Gesellschaft vor Augen. Ihr Text, klar und eindeutig (von der Magdeburger Journalistin Christiane von' Kaltenborn — Stachau fur den deutschen Zuschauer ins begleitende Textheft ubersetzt), offnet sich den verschiedensten Interpretationen, gewahrt diesen groszugigen Freiraum.
Der 33jahrige Anatolij Leduchowskij — einer der im In - und Ausland mehrfach preisgekronten Regisseure des neuen rissischen, experimentellen Theaters — fuhrt mit seiner Interpretation.der “Mondwolfe” ganz klar weg vom naturalistischen russischen Theater. Nina Sadurs Stuck, das schon bei der Premiere 1990 in Stockholm grose Resonanz erfuhr, zeigt er nicht als groses Sprechtheater. Er inszeniert mit Elementen des japanischen Theaters, die er mit Toneffekten und Musik versetzt. Voll spannungsreicher Gestik, Mimik und sprachlicher Ausdruckskraft leben bei ihm die “Mondwolfe” rituell-metaphysisch in Zeit und Raum.
In diesem Spannungsfeld Jegor, der Mondwolf, das Erhabene wie das Tierische in sich vereinend; der Trinker Viktor, der das Bose in sich spurt und vergeblich dagegen ankampft — einer, der zum Verlierer vorprogrammiert ist; und zwischen beiden Soja, die sich als Heilige sieht und Viktor erdruckt mit ihrer Liebe. Wolfsein ist allen gemein, und sie kommen nicht dagegen an.
Viktor und Soja werden zum Opfer. Ein Los, das bald auch dem Mondwolf beschieden sein wird. Auf der Suche nach dem besseren Ich erliegt er letztendlich Motja, dem Wolf im verfuhrerischen Schafspelz. Der entfaltet — clownesk-skurriler Zuge nicht entbehrend —unerbittlich seine schillernden Facetten. Auch er bald Opfer, erstarrt im groslich verzerrten Todestanz.
Russische Sprachkenntnisse waren nicht notig, so tief grub die packende Intensitat der grosartigen “Mondwolfe” Larissa Lasarewa, Michail Golomsin, Ildar Allaberdin und Sergej Postny ihre Zane ins Publikum. Darubr waren sich die anderen, heftig applaudierenden Mondwofe ganz offensichtlich einig.


9.07.1995




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