Ubu versinkt in schöner BilderflutSatyricon mit König Ubu zu Gast bei Unidrain'98Potsdamer Neueste Nachrichten Leduchovski vermag, beeindruckende ästhetische Bilder zu entwerfen; die Schauspieler werden herumdrapiert
Am Ende'kommt der Eisbär. Doch bis dahin vergehen eineinhalb Stunden mit Mutter und Vater Ubu, wie sich das Königspaar häufig selbst tituliert. Aber beginnen wir von vorn. Der vierte UNIDRAM-Abend stand im Zeichen der Kooperation mit dem Hans Otto Theater. Das Publikum erlebte Jarrys König Ubu — aufgeführt vom Bremer Theater Satyricon im Theaterhaus am Alten Markt. Alfred Jarry führte mit seinem König Ubu das französische Theater kurz vor der Jahrhundertwende hinweg vom romantischen, melodramatischen und naturalistischen Drama hinein in die Moderne. Jarrys Ubu entflammte seinerzeit zahlreiche Theaterskandale. Die Helden des traditionellen Geschichtsdramas wurden mit Ubu entthront und landeten geradewegs in der Gosse. Denn an Ubu-Rex entdeckte man nichts Heldisches mehr. Er giert und greift nach höchster Macht, um unflätig und wild seine Begierden auszutoben. Die Helden der Tragödie werden bei Jarry auf das Monströse-Ge-fräßige reduziert, hier geht es um den Instinkt, der nach Einverleibung giert. Oder schlechtweg um die Schattenseite der menschlichen Natur, die gerne ein paar überzählige Sahne-Schnittchen auf dem Speicher hat. Gepaart mit ungezügeltem Egoismus ergibt das die Verheerungen der älteren und neueren Geschichte, für deren Auslöser hier die Psychologie eines Ubu steht, der gleichzeitig die Nachtseite der modernen Gesellschaft repräsentiert. Mit dem Theater Satyricon ist Anatoli Leduchovski zu UNIDRAM zurückgekehrt, der hier vor zwei Jahren auf dem Festival mit dem Stück Mondwölfe von N. Sadur mit dem Modelltheater Moskau beeindruckte. Mit Spannung erwartete man also am Mittwochabend das Ergebnis der Zusammenarbeit mit der Gruppe aus Bremen. Auch bei Leduchovski wird Ubu zum ungezügelten Vieh, der durch Macht und Verschwörung auf den polnischen Thron gelangt und von hier aus alles köpfen läßt was seinen Launen momentan im Wege steht. In dieser Phase der Macht erleben wir Ubu mit tiefer Stimme kleine Gehäßigkei-ten und große Grausamkeiten zelebrieren. Vor der Thronbesteigung und nach der späteren Entmachtung quäkt und nörgelt er mit Kinderstimmchen und wird schließlich neben Mutter Ubu ganz und gar zum naivquengeligen Infanrilchen. Leduchovski bringt sein Stück um Begierde und Verfall auf eine leere, schwarze Bühne. In der Mitte steht häufig ein Podest, auf und um das herum sich die Ubus, der Leutnant Bordüre und das gestürzte polnische Königspaar in wechselnden Choreographien plazieren. Vor schwarzen Hintergrund dominiert leuchtendes Rot: rote Kostüme mit üppigen Stoffbrüsten und je nach Größe wohl das Machtgefühl der Träger veranschaulichenden Stoffpenisen. Dazu bizarrer Kopfputz. Fraglos, Leduchovski vermag es, beeindruckende ästhetische Bilder mit roten Stoffbahnen (Rot steht wohl für die Blutspur der Macht), künstlichen Schneeflocken, riesigen Reifröcken und gekonnter Lichtregie (dazu Musik von Purcell und Saint-Saens) zu entwerfen. Doch inmitten dieses hübschen Bilderbogens, der etwas Statisch-Narkotisierendes hat, werden die Schauspieler immer irgendwie eingebaut und herumdrapiert. Spielen läßt sie Leduchovski nicht In immer wieder neuen Arrangements dürfen sie lediglich mal mit den Beinen baumeln und vor allem sehr viel Text hersagen. Lediglich Hermann Book kann seinem Ubu darstellerische Konturen verleihen, die über das bloße Ins-Bild-Set-zen hinausreichen. Doch durch diese Aneinanderreihung von Bildern — während derer sich zwischen den Figuren kaum etwas ereignet — bleibt Ubus Innenleben merkwürdig behauptet. Nun ja, so mag er sein, sagen wir uns, während er mal vor roter Stoffbahn und dann wieder in sie eingehüllt einige grausame Sachen sagt, während die übrigen Darsteller (Birgit Becker, Stefan Berthold, Benedikt Vermeer und Galina Zaborskaja) als Tuch- oder Kerzenhalter fungieren müssen. Mechanismen der Macht vermag dieser farbige Katalog nicht zu entlarven. Am Ende kommt also noch der Eisbär auf die Bühne und nimmt das in der Schlacht wieder zum Kindchen mutierte Ubuchen in die Zottelarme. Zwei große Säcke Kunst-stoffkügelchen werden auf Ubu gekippt, der nun mit seinem Spielzeugpferdchen in einer Art Sandburg sitzt und lallt: Guck mal wer da spricht. Das sind geglückte Seitenhiebe auf die aktuelle Spiel- und Spaßgesellschaft, die an diese Stelle der Inszenierung als zu spät gekommenes Anhängsel der Aufführung keine neue Dimension mehr zu verleihen mag. Über einem neuen Sitzarrangement entfaltet sich schließlich ein großer weißer Sonnenschirm. Schade um einen Ubu, der hier in der Flut der schönen Bilder schlechtweg versank. Das für den zweiten Teil des Abends geplante Open-Air-Spektakel Menschen, Löwen, Adler und Fasane mit dem Formaltheater (St. Petersburg) mußte wegen des unbeständigen Wetters abgesagt werden.
Von Carolin Lorenz
8.05.1998
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